Michel wach auf!

Vom Autor eines Buches mit dem Titel "Michel erwache" darf erwartet werden, dass er sich auch mit dem deutschen Michel befasst hat. Das ist allerdings erst nach Entstehung des Buches geschehen. Eine kurze Beschreibung der Entstehung des Michel als deutsches Symbol will der Autor als Service denen bieten, die daran interessiert sind.

Der Text und die Bilder sind entnommen aus:

Szarota

Szarota, Tomasz : Der deutsche Michel.
Die Geschichte eines nationalen Symbols und Autostereotyps.
FIBRE VERLAG, Oktober 2000 - Kt - 421 S., ISBN: 3-929759-38-1, EUR 37.80
Tomasz Szarota ist polnischer Germanistik-Professor in Warschau.

Bei Tomazs Szarota heißt es:

Leider ist bis heute nicht bekannt, wann genau die Redewendung "der deutsche Michel" entstanden ist. Die erste uns bekannte Notiz stammt von 1541, sie tauchte in dem in Frankfurt am Main von Sebastian Franck herausgegebenen Werk "Sprichwörter" zweimal auf. Natürlich mußte diese Redewendung schon vorher in Gebrauch gewesen sein, man weiß jedoch nicht, seit wann.

Deutscher Michel

Erst 1860 verwiesen Jacob und Wilhelm Grimm (das sind die mit dem Grimms Märchenbuch) darauf, daß die Redewendung in dem erwähnten Werk von Franck erstmals gedruckt wurde. Sie fanden sie in einem der sich auf Frauen beziehenden Sprichwörter:
"In nötigen sachen aber könden sie weniger / dann der teutsch Michel / da ist ein man theurer / dann 1000 weiber."
Wie ist der Sinn des Begriffs "der teutsch Michel" in diesem Zusammenhang zu verstehen? Ziemlich eindeutig wird er mit einem Tolpatsch, Tölpel, Blödian assoziiert, aber es ist auch nicht ausgeschlossen, daß jener Michel die Personifizierung der Faulheit war. Am Rande sei bemerkt, daß die Aufstellung der Sprichwörter, die sich auf Frauen beziehen, Martin Luther auf den Plan rief, der Franck des Antifeminismus zieh und ihn heftig attackierte.
Sechs Jahre nach dem Erscheinen des zweiten Bands des Deutschen Wörterbuchs der Gebrüder Grimm fand Friedrich Latendorf bei Franck eine andere Stelle, wo ebenfalls die Bezeichnung "der teutsch Michel" auftauchte, dieses Mal unter Sprichwörtern über die menschliche Dummheit. So weit die Äußerungen von Tomasz Szarota.

Michel wach auf!

Später ist zu diesen negativen Eigenschaften des Michel auch noch der Vorwurf der Ungebildetheit hinzu gekommen, der z. B. keine Fremdsprache spricht. Das war im Mittelalter hauptsächlich das Lateinische. An diesem Kriterium gemessen, sind wir heute (fast) alle deutsche Michel.
Keinesfalls leitet sich nach Szarota der deutsche Michel vom Erzengel Michael ab, wie manche gerne sehen würden.
Später wurde der Michel auch mit Knechtschaft, Unfreiheit und Unterdrückung (durch Pfaffen und Obrigkeit) in Verbindung gebracht. Im Ausland wurde der deutsche Michel je nach Interessenlage auch als Militarist und hässlicher Deutscher verunglimpft.
Erst viel später (1808) sind die ersten Abbildungen des Michel aufgetaucht. Hier ist die Schlafmütze (meist als Zipfelmütze) die karikaturistische Überzeichnung der dem Michel zugeschriebenen Schlafmützigkeit.
Für die Karikatur ist der Michel heute wie damals im Kladderadatsch und Simplicissimus als Symbolfigur unentbehrlich. Dies wird meist in dem Sinn gebraucht, dass der gutmütige, aber etwas einfältige Michel aufpassen muss, dass er nicht übertölpelt wird. Und dies ist wohl ein zeitloses Motiv vom Mittelalter bis heute.

Michel von Wilhelm Busch

Im Übrigen finden sich bei Wilhelm Busch in seinem Album eine Fülle von zipfelmützigen Figuren, die auf die Schippe genommen werden. Deshalb war es für den Autor von "Michel erwache" ein Leichtes eine Karikatur von Wilhelm Busch als Michel für das Titelbild von "Michel erwache" auszuwählen.

Viel mehr und fast alle Abbildungen des Michel im In- und Ausland finden Sie in dem ausgezeichneten Buch von Tomasz Szarota.


Der deutsche Michel bei bikonline.de

Das Internet führt zusammen, was zusammen gehört. So ist der Autor auf die Internetseiten der jungen Journalistin bik (www.bikonline.de) aufmerksam geworden, die eine gute Zusammenstellung über den Michel publiziert. Teilweise mit Karikaturen und Texten, die bei Szarota nicht enthalten sind. Sehen Sie bei bik doch einmal herein. Auch die anderen Informationen lohnen sich.
Der deutsche Michel bei bikonline.de


Der deutsche Michel im Brockhaus.

Der deutsche Michel.
Die spöttische Bezeichnung für den Deutschen, meist gemünzt auf den biederen, unpolitischen, etwas schlafmützigen Bürger, findet sich erstmals 1541 in der »Sprichwörtersammlung« des deutschen Dichters Sebastian Franck (1499 bis 1542 oder 1543). Sie meint dort einen ungebildeten, einfältigen Menschen und wurde in dieser Bedeutung bis ins 17. Jh. verwendet. Zugrunde liegt die in bäuerlichen Kreisen häufige Kurzform des Vornamens »Michael«, der im Mittelalter in der christlichen Welt als Name des Erzengels Michael Verbreitung fand. Als Überwinder des Teufels galt dieser als Schutzheiliger, besonders des deutschen Volkes. Von der städtischen Bildungsschicht dürfte die Kurzform des Namens wohl zuerst satirisch auf den Bauernstand bezogen worden sein und dann in Verbindung mit dem Attribut »deutsch« endgültig eine Ausweitung auf das ganze Volk erfahren haben. In den Bemühungen des 17. Jh.s um die Reinhaltung der deutschen Sprache kennzeichnet der Name dann den redlichen, aufrechten Deutschen, der seine Muttersprache gegen die Aufnahme von Fremdwörtern verteidigt. In den 30er- und 40er-Jahren des 19. Jh.s wird er in der politischen Auseinandersetzung zum Spottnamen für den gutmütigen, aber einfältigen und verschlafenen Deutschen (in der Karikatur mit Zipfelmütze dargestellt), der sich seiner Machthaber nicht zu erwehren weiß und wachgerüttelt werden sollte.
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